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Annäherung an eine Unnahbare
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Alle meine Rezensionen ansehen Rezension bezieht sich auf: Angela Merkel - Die Protestantin (Gebundene Ausgabe) Rezension aus dem Handelsblatt vom 03.04.09 von Andreas Rinke
Annäherung an eine Unnahbare
BERLIN Das Bild von Angela Merkel ist auch nach fast vier Jahren Regierungszeit diffus - darüber sind sich alle einig. Umso mehr wächst im Wahljahr der Wunsch, die "wahre" Kanzlerin zu entdecken. Was ist "echt" an Merkel?Ist sie die Reformerin von 2005, die nur von der nötigen Kompromisssuche in der Großen Koalition gebremst wurde?Oder setzte sie vielleicht schon immer auf einen starken Staat, der vom Krippenausbau über den Krankenkassenbeitrag bis zur Bankenaufsicht alles regeln soll?
Das ruft die Merkel-Versteher auf den Plan, denen es die Kanzlerin aber nicht leichtmacht. Denn der Wunsch nach Kontrolle der von ihr medial vermittelten Bilder ist groß. Zwei neue Bücher versuchen mit unterschiedlichen Ansätzen, sich der Unnahbaren zu nähern. Der Leiter des "Spiegel"-Hauptstadtbüros, Dirk Kurbjuweit, springt dabei in seinem Langessay gleich auf die Interpretationsebene. Wie so oft bei ihm sind die Formulierungen teilweise brillant, er liefert kluge Beobachtungen etwa über ihre Körpersprache oder ihre "totale Politik". Dennoch scheitert er beim Versuch, die Kanzlerin wirklich zu erklären. Ein Grund ist sein Blickwinkel. Kein Politiker lässt sich allein aus der Beobachtung einer vierjährigen Regierungszeit und der eher zufälligen Reisebegleitung eines Journalisten verstehen. Es fehlt der Blick auf eine langfristige Entwicklung.
Zudem misslingt im Buch, was in einer "Spiegel"-Titelgeschichte funktionieren kann: Dort reichen einfache, klare Bilder, um einen Trend zu schildern - und ein Jahr später notfalls den gegenteiligen. Das erklärt bei Merkel den Klischee-Wandel von der "Radikal-Reformerin" bis zur bloßen "Moderatorin der Macht". Aber wenn Kurbjuweit versucht, die These der "Selbstauflösung" Merkels über einen längeren Zeitraum zu belegen, kommt er ins Trudeln. Für jedes Abweichen von alten Positionen lassen sich andere wie beim Gesundheitsfonds oder dem Afghanistan-Einsatz finden, wo sie etwa klar gegen die Stimmung in der Bevölkerung Politik gemacht hat.
Das Gute ist: Man kann über die zugespitzten Thesen bestens streiten. So führt Kurbjuweit die Unentschiedenheit Merkels auch darauf zurück, dass sie wie angeblich alle Kanzler in der ersten Amtszeit vor allem auf die Wiederwahl schiele. Eher ließe sie sich aber verstehen, wenn man die Zeit seit 2005 als radikalen Realitäts-Check ansieht. Erst im Amt hat Merkel Möglichkeiten und Zwänge gespürt - und schon deshalb einige Positionen korrigiert.
Bescheidener und anspruchsvoll zugleich ist der Ansatz von Volker Resing, der sich den Glauben der CDU-Vorsitzenden vornimmt. Bescheidener ist sein Buch, weil Resing weder ein tiefgründig analytisches Werk geschrieben hat noch neue wichtige Details ihrer Biografie liefert. Aber seine Leistung besteht darin, dass er Merkels Leben und Wirken systematisch auf einen einzigen Punkt abklopft und neu sortiert: ihren Umgang mit der Religion. Durch ihre Papst-Kritik hat dieses Thema ungeahnte Aktualität bekommen.
Nur kann auch Resing keine eindeutigen Ergebnisse liefern. Er schreibt zwar, dass Merkel "am Ende möglicherweise mehr preußische Protestantin als DDR-Frau ist, mehr Pfarrerstochter als Physikerin". Aber wie sie genau glaubt, weiß er auch nicht. Dass Merkel das "C" im Parteinamen nicht mehr in der Lesart der rheinischen Katholiken interpretiert, stimmt zwar - aber für eine ostdeutsche Protestantin wäre alles andere überraschend. Dennoch ist der Hinweis auf den Glauben wichtig, um zu verstehen, wieso sich die vorsichtige Merkel an einzelnen Punkten wie der Stammzellforschung verkämpft.
Vielleicht ist das die Lehre aus beiden Büchern. Das Bild Merkels bleibt gerade für westdeutsche Beobachter oft diffus, weil sie nicht in die üblichen Beurteilungsmuster passt. Ihre Lebenserfahrung setzt sich aus Attributen wie "Frau, Ostdeutsche, Protestantin, Physikerin" zusammen. Die Kombination lässt sie Antworten auf Fragen liefern, die überraschen. Mit allen Vor- und Nachteilen.
DIRK KURBJUWEIT: Angela Merkel Hanser, München 2009, 160 Seiten VOLKER RESING: Angela Merkel - Die Protestantin St.Benno, Leipzig 2009, 160 Seiten
Eine Rezension von Ein Kunde
vom 16. April 2009 | | |
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