Tschaikowskys Tod: Geschichte und Revision einer Legende (Serie Musik)


 
Ein Buch, das die genauen Gründe eines rätselhaften Todes au
• • • •   (bewertet mit 4 von 5 Punkten)

Rezension bezieht sich auf: Tschaikowskys Tod: Geschichte und Revision einer Legende (Serie Musik) (Musiknoten) Alexander Poznansky beleuchtet in seinem Buch die bis dato bestehenden Meinungen vom sagenumwobenen Tod des Komponisten Peter Iljitsch Tschaikowsky in äußerst kritischer Perspektive. Dabei werden insbesondere Themen wie Tschaikowskys Homosexualität und deren politische und gesellschaftliche Konsequenzen sowie die realen Umstände, die zu seinem Ableben führten, recherchiert. Der Autor kommt durch stringente Beweisführung zu dem Ergebnis, dass der Komponist der chinesischen Cholera erlag, und widerlegt dadurch eindeutig die von Wissenschaftlern postulierte „Selbstmordtheorie". Tschaikowskys besondere sexuelle Neigungen haben bereits zu seinen Lebzeiten große Aufmerksamkeit in weiten Kreisen der damaligen russischen Gesellschaft hervorgerufen. Umso verständlicher ist daher die Vielzahl an illustren Gerüchten, die sich speziell um seine letzten Lebenstage gerankt haben und teilweise noch heute als Gesprächsstoff dienen. Als populärste Version bezeichnet Poznansky die „Verschwörung der Juristen", in welcher Tschaikowsky mit verseuchtem Wasser zum Suizid angestiftet worden sei, um eine Affäre mit einem Grafensohn zu verbergen. Die Verfechter der „Selbstmordtheorie" sehen die Ursachen zum einen in Tschaikowskys seelischer Sensibilität, zum anderen in der rigorosen Verurteilung der Homosexualität durch die Behörden und damit seiner Angst vor öffentlicher Bloßstellung. Doch stellt der Autor fest, dass die kulturelle Elite Russlands vor derartigen Bestrafungen verschont worden ist und speziell ein Angriff auf den allseits vergötterten Tondichter in öffentlicher Empörung ausgeartet wäre . Gute Kontakte, auch die Bekanntschaft mit dem Zaren, haben dem Musiker stets eine privilegierte Stellung ermöglicht. Poznansky gelingt es dank der gezielt eingesetzten Zitate aus Briefen an Tschaikowskys Bruder Modest und seine Gönnerin Nadescha von Meck über das Seelenleben des Komponisten klar Aufschluss zu geben: Selbst in Tschaikowskys Sterbejahr sind keinerlei Indizien als potentieller Auslöser für einen Selbstmord zu finden. Die glückliche Beziehung zu seinem Neffen und der Zenit in seiner künstlerischen Schaffenskraft unterstreichen klar die Absurdität möglicher Selbstmordgedanken. Zudem hat sich das Musikgenie von der Ehekatastrophe mit Antonia Ivanovna erholt und ist von ständiger Todesangst gequält, die sein Sehnen nach Freiheit und damit seine Lebensbejahung demonstriert. Trotzdem möchte der Verfasser die Wahrscheinlichkeit eines Selbstmordes aufgrund eventueller unbekannter Gegebenheiten nicht völlig ausschließen, was die exakte wissenschaftliche Analyse, nicht zuletzt aber die Aufrichtigkeit Poznanskys widerspiegelt. Sehr ausführlich werden die letzten Stationen im Leben des weltberühmten Komponisten- von der Ansteckung mit den Cholerabakterien, über zu spätes oder falsches Agieren des Bruders und der Ärzte bis hin zu Tschaikowskys endgültiger Resignation- erörtert. Poznanskys nüchterner Schreibstil sowie die ständige Kritik an den unschlüssigen Beweisführungen seiner Kollegin Alexandra Orlova erwecken den Eindruck, der Autor habe es primär darauf abgesehen, die wissenschaftliche Ignoranz anderer Tschaikowsky- Forscher zu betonen und zu revidieren. Doch als Fazit sollten sicherlich diejenigen Bewunderer von Tschaikowsky dieses Buch in ihre Sammlung aufnehmen, die profundes Detailwissen über den Komponisten horten möchten, aber auch die Ausdauer haben, sich einmal mit juristischen und medizinischen Aspekten intensiver auseinanderzusetzen.
Eine Rezension von Ein Kunde
vom 22. März 2000
Kundenrezensionen:
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